183 Minuten für das Klima am 9. Dez. 2025, 13:00-16:03 Uhr vor dem Parlament.
Statement Helga Kromp-Kolb, BOKU
(Video 1:)
Ich komme gerne, weil wir unbedingt sichtbar werden müssen. Die Wissenschaft genauso wie die Seniorinnen und Senioren, wer immer, alle müssen sichtbar werden.
Ich komme gerade aus einer Schule, ich habe gerade drei Stunden mit einer Schule gearbeitet, und eine der ersten Fragen, die die Schulsprecherin an die Kolleginnen gestellt hat, an die Schülerinnen gestellt hat, war, was erwartet ihr für die Zukunft? Ist euch das Klimathema wichtig? Geht da was weiter? Ja – weiß ich nicht – nein. Und der Großteil hat gesagt, nein. Und das verdanken wir den Herrschaften da drinnen (Geste Richtung Parlament). Die Schüler sind inzwischen schon überzeugt, dass die Politik einfach nichts tut, und sie haben daher die Lust verloren an diesem Thema. Und eine Jugend, die keine Freude mehr an politischer Aktion, an ihrer Zukunft, an der Entwicklung ihrer Zukunft hat, das ist das Schlimmste, was passieren kann, dass wir die Jugend verlieren.
Deswegen halte ich es für unheimlich wichtig, dass wir uns immer wieder gerade auf der
Bundesebene an die Politiker wenden und ihnen sagen, es geht um die Zukunft unserer Jugend. Und nicht nur um die, aber ganz wesentlich auch um diese. Und fast alle haben ja in irgendeiner Form Kinder oder Enkel, also es sollte sie wirklich auch persönlich betreffen.
So weit zu der Stimmung, mit der ich hierher gekommen bin. Ich habe allerdings die Schüler versucht, nicht so zu hinterlassen, sondern darauf hinzuweisen, dass die Klimakrise zwar etwas Fürchterliches ist und dass wir in die Richtung, in der wir jetzt steuern, dass es da in vieler Hinsicht sehr schlimm werden kann, noch viel schlimmer als es jetzt ist, dass aber jede Krise auch die Möglichkeit hat, einen anderen Weg einzuschlagen und einen Weg, der in Richtung auf eine bessere Zukunft geht. Es geht nicht nur darum, die derzeitige Situation aufrecht zu erhalten, sondern es geht darum, sie zu verbessern.
Schauen wir uns zuerst das Schlechtere an. Was bedeutet es, wenn wir nichts tun, wenn wir so weiter agieren, wie hier agiert wird? Ja, dann werden die Temperaturen weiter steigen und auch da haben wir gesehen, dass die Temperaturen schneller steigen, als wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eigentlich erwartet haben. Unsere Modelle haben eine langsamere Erwärmung erwarten lassen, als sie tatsächlich der Fall ist. In Österreich haben wir derzeit schon ungefähr die Temperaturen, die wir so in 10 bis 20 Jahren erwartet hätten. Das heißt, es geht viel schneller, als wir dachten und das ist noch einmal ein Aufruf: Wir müssen rascher handeln und nicht noch weiter verzögern. Und das gilt natürlich nicht nur für Österreich, sondern das gilt auch auf der internationalen Ebene. Also es geht schneller, als wir dachten.
Das ist das eine. Das andere ist, die Konsequenzen sind ärger, als wir dachten. Der Niederschlag, den wir im September letzten Jahres in Österreich, Niederösterreich und Wien, erlebt haben, der hat weit überschritten, das, was wir eigentlich erwartet haben. Ich war damals gerade auf Urlaub in Niederösterreich und eine Kollegin hat mir ein SMS geschrieben, hat gesagt, schau in die Klimamodelle, Österreich geht in einer Woche unter. Das war eine Woche vor den Niederschlägen. Und ich habe gesagt, ich habe gar nicht gewusst, dass Modelle so viel Niederschlag erzeugen können, dass sie solche Zahlen ausspucken können. Wir haben dann unmittelbar nicht sehr viel gehört. Ich habe dann gleich die Medien angedreht, habe nichts gehört. Erst ungefähr Mittwoch, Donnerstag ist dann wirklich auch die Warnung in die Öffentlichkeit gekommen. Die Blaulichtorganisationen waren vorher informiert.
Aber das ist das, was uns jetzt ununterbrochen passiert. Es wird alles schlimmer, schneller und intensiver oder auch länger anhaltend, als wir dachten. Die Wetterlagen halten länger an und jede lang anhaltende Wetterlage führt in irgendeiner Form zu Extremen. Entweder wenn sie trocken ist, dann zur Trockenheit, wenn sie warm ist, dann zur Hitze und wenn es regnet, dann zu Überschwemmungen, weil der Boden durchnässt wird und dann das einfach nicht mehr aufnehmen kann, was an Regen kommt. Dazu muss der Niederschlag gar nicht intensiv sein. Und das ist physikalisch alles völlig erklärbar. Das ist nicht etwas, was uns jetzt in dem Sinn inhaltlich überrascht. Was uns überrascht, ist die Geschwindigkeit und das Ausmaß. Mit dem hatten wir auch als Wissenschaftler nicht gerechnet. Aber das ist das Wesen der Wissenschaft, dass man immer wieder beobachtet, was tut sich wirklich und dann eben korrigiert. Und wir sind jetzt auch dabei, unsere Modelle zu korrigieren und es wird auch für Österreich neue Szenarien geben, wo wir versuchen, dem jetzt Rechnung zu tragen. Das heißt, das ist das Problematische. Und das Problematische ist natürlich nicht das Klima an sich, sondern die Wirkungen des Klimas: Dass da die Ernten zerstört werden, nicht nur bei uns, sondern weltweit. Dass Menschen ihr Leben verlieren in den Extremsituationen, in der Hitze. Die Hitze wird wahnsinnig unterschätzt, wie bedrohlich sie ist. Und das haben ja auch die Senior*innen erstritten, dass die Politik eben der besonderen Gefährdung von älteren Menschen in Hitzesituationen Rechnung tragen muss. Das heißt, da tut sich unheimlich viel an Veränderungen, die nicht erwünscht sind. Und man soll nicht glauben, dass das die Wirtschaft nicht betrifft. Die Produktivität geht zurück mit zunehmender Temperatur in den meisten Ländern. Überall dort, wo wir sozusagen schon über dem Klima-Optimum sind, und das sind die meisten Länder der Welt.
Man kann sich das auch geografisch anschauen: Wer möglicherweise profitieren wird, sind die nördlichen Länder, aber nur, wenn man nicht die anderen Folgen berücksichtigt, wie eben die auf die Biosphäre oder auf die Menschen, die noch ganz nahe an der Natur leben. Also wenn wir die berücksichtigen, dann schaut es auch dort schlecht aus. Und ganz schlimm wird es, je weiter wir nach Süden Richtung Äquator kommen, umso schlimmer werden die Staaten betroffen sein. Und darauf hat ja auch Daniel Huppmann vorhin schon hingewiesen: Klimawandel ist nicht gerecht. Klimawandel trifft die noch stärker, die am wenigsten dafür können und denen es jetzt schon am schlechtesten geht. Das gilt international, das gilt aber auch national, das gilt auch in einer Stadt wie Wien. Auch in der Stadt Wien sind die am stärksten betroffen, die eben nicht in der Nähe von einem Park wohnen, die nicht gleich hinterm Haus in den Wienerwald gehen können, die an stark befahrenen Straßen wohnen und die Fenster bei Nacht nicht aufmachen können, weil es auch in der Nacht wird es nicht mehr kühl wird, es bleibt auch in der Nacht warm und das immer häufiger und immer mehr. Das ist die Entwicklung, in die wir hingehen und die Frage ist aber, wie schaut die andere Richtung aus? Könnte es nicht auch besser werden? Das Klima kaum, also dass wir das Klima zurückdrehen; das war auch eine Frage einer Schülerin: können wir nichts machen, damit es in Österreich wieder mehr schneit und mehr Schnee liegt? Wir können wenigstens stoppen, dass es immer weniger wird, aber das Klima zurückzudrehen, das ist nicht etwas, was wir irgendwie in einer absehbaren Zeit schaffen können. Es ist schon sehr viel, wenn es uns gelingt zu stabilisieren.
Was ist notwendig zum Stabilisieren? Netto null, Klimaneutralität, wie immer wir das nennen wollen. Da muss uns aber klar sein, dass es nicht egal ist, wann wir das erreichen. Netto null oder Klimaneutralität bedeutet, dass wir nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre reingeben, als die Natur herausholen kann. Die Natur, das ist der Ozean, das sind die Böden, das ist die Vegetation. Und solange wir mehr hineintun, als die Natur herausholen kann, steigt die Konzentration der Treibhausgase. Das ist wie bei der Badewanne, wenn beim Hahn oben mehr reinrinnt, als unten rausrinnt, dann steigt der Wasserspiegel. Und netto null heißt, wir erreichen einen Ausgleich. Das heißt, es kommt nicht mehr rein, als unten rausgeht. Und ab dann ist die Konzentration fix. Bis dahin steigt sie aber. Das heißt, wenn wir netto null nicht 2040, sondern 2050 oder 2060 erreichen, dann steigt bis dahin die Konzentration und die Temperatur hängt von der Konzentration ab. Das heißt, dann steigt bis dahin die Temperatur. Und wenn es uns dann gelingt, das Klima zu stabilisieren, dann ist das auf einem wesentlich höheren Niveau. Das heißt, es ist nicht egal, wann wir uns endlich entscheiden zu handeln. Wir müssen jetzt handeln.
Und dann kommt noch dazu, dass es im Klimasystem eben auch selbstverstärkende Prozesse gibt, die, wenn sie einmal losgetreten sind, von selber weitergehen. Also wenn der Ozean wärmer wird, dann verdunstet mehr Wasserdampf. Wasserdampf ist ein Treibhausgas, genauso wie CO2. Das heißt, wir haben mehr Wasserdampf in der Atmosphäre. Das heißt, die Temperatur erhöht sich weiter. Wenn das Eis schmilzt, weil wir die Temperatur erhöht haben, dann kommt eine dunkle Oberfläche. Das bedeutet, dass mehr Sonnenstrahlung absorbiert wird. Mehr Sonnenstrahlung absorbiert heißt, es wird wärmer. Das heißt, es schmilzt noch mehr Eis. Das heißt, die Fläche wird noch dunkler. Die dunkle Fläche wird noch größer und es geht so weiter. Das sind Sachen, die ganz von selber weiterlaufen, wenn wir es einmal losgetreten haben. Und die Entwicklung ist typischerweise exponentiell. Das heißt, am Anfang langsam und dann immer schneller. Das heißt, wir müssen versuchen, das zu stoppen, solange es noch langsam ist, weil wenn es einmal so einen richtigen Schwung entwickelt hat, dann ist es sehr fraglich, ob wir das überhaupt noch stoppen können. Das bedeutet, diese selbstverstärkenden Prozesse sind noch einmal ein Grund, warum wir jetzt handeln müssen und nicht erst irgendwann. Das heißt, es spricht alles dafür, jetzt zu handeln.
Und was heißt jetzt handeln? Jetzt handeln heißt eben nicht nur, CO2 zu reduzieren, sondern die ganze Problematik des Klimawandels ist ja ein Teil einer viel größeren Problematik. Wenn wir uns anschauen, wo greifen wir überall in die Natur ein, Biodiversitätsverlust ist glaube ich inzwischen allen klar, aber wir greifen einfach in vielen Bereichen ein, wir zerstören Wälder… und für all diese Bereiche kann man versuchen, wissenschaftlich Grenzen zu setzen, bis wohin hält es die Natur aus und ab wo hält sie es nicht mehr aus, sondern Systeme kollabieren.
Und diese Grenzen erreichen wir zunehmend bei zunehmend vielen Eingriffen. Das ist ganz offensichtlich in manchen Bereichen schon der Fall gewesen und in anderen ist es fraglich, das wissen wir also nicht so genau, wo da die Grenzen sind. Aber das Überschreiten dieser Grenzen ist nicht unabhängig voneinander, die hängen alle zusammen. Das heißt, es hängt da der Klimawandel zusammen mit Biodiversitätsverlust. Je mehr Klimawandel, desto mehr Biodiversitätsverlust. Umgekehrt auch, aber nicht ganz so ausgeprägt.
Also diese Veränderungen hängen zusammen und die Frage ist, warum passiert das alles gerade jetzt und das hat sehr viel damit zu tun, mit der Art, wie wir Wirtschaft betreiben, mit unserem Wirtschaftssystem. Das hat Sigrid Stagl ja schon ein bisschen ausgeführt. Das heißt, wir haben ein Wirtschaftssystem, das wachsen muss, um stabil zu sein und es ist kein Zufall und durchaus sinnvoll, dass Angela Merkel angesichts des Hochwassers 2021 im Ahrtal gesagt hat, wir brauchen eine Volltransformation unserer Art des Wirtschaftens.
Und das hat Angela Merkel gesagt, also nicht eine bekannte Grüne, sondern das ist einfach der Schluss, zu dem man kommen muss, wenn man die Situation anschaut. Und die Frage ist, gibt es nicht ein Wirtschaftssystem, das auch andere Probleme löst? Und wenn wir dieses Wirtschaftssystem, das wachsen muss, verändern, dann haben wir auch sehr viel getan für den Erhalt der Biodiversität, bei der Versauerung des Ozeans tun wir was, ebenso für viele andere Sachen, etwa bei der Knappheit der Ressourcen, der Knappheit der Fläche…
Also wir können viele andere Probleme gleichzeitig lösen. Und das gilt auch innerhalb Österreichs und innerhalb unserer eigenen Möglichkeiten. Denken Sie nur an unser Gesundheitssystem. Wir haben ein Gesundheitssystem, das verursacht ungefähr 7% unserer Treibhausgasemissionen. Das klingt vielleicht noch nicht viel, aber wenn man einzelne Systeme anschaut, die sind alle in der Größenordnung, da gibt es nur ein paar, die deutlich größer sind. Das heißt, das ist nicht nichts, das ist viel.
Ja, und was tut unser Gesundheitssystem? Im Grunde genommen ist es wirtschaftlich dann erfolgreich, wenn wir alle möglichst viel und möglichst lang krank sind. Nicht sterben, aber krank sind. Und das ist ja nicht das, was wir wollen. Wir könnten ja ein viel besseres System haben. Ein System, das vorbeugend heilend wirkt, das darauf schaut, dass wir gesund sind und gesund bleiben. Das würde uns weniger kosten, würde aber vor allem unsere Lebensqualität erhöhen. Und gleichzeitig wäre es Klimaschutz.
Und so geht es bei allen verschiedenen Bereichen. Die Mobilität, weil da gerade eine Straßenbahn vorbeifährt. Wenn wir nicht mit dem Auto ins Fitnesszentrum fahren, sondern wenn wir einfach viel mehr zu Fuß gehen und auch die Umgebung so ist, dass es attraktiv ist, dass man nicht in der Hitze gehen muss, sondern dass es Schatten gibt, dass es Wasserspender gibt, dann wird plötzlich das Leben viel angenehmer.
Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, was Lebensqualität ist und nicht an Lebensstandard kleben. Lebensstandard ist das, was uns jetzt ununterbrochen eingeredet wird, was wir alles brauchen. Und das kann mit dem ersten Rapper-Song sehr gut zum Ausdruck, dass es eben gar nicht um diesen Standard geht, der macht nicht glücklich. Glücklich macht Qualität.
Und Lebensqualität ist eben etwas ganz anderes als Lebensstandard. Und Lebensqualität ist verträglich mit der Natur. Lebensstandard in der Form, wie wir in der Zeit leben und wie wir ihn anstreben, ist das nicht. Das heißt, wir müssen umdenken, wir müssen einfach unser Denken verändern.
Aber ich weiß, ich predige hier zu den Falschen. Eigentlich müsste man immer in der Richtung stehen (Blick zum Parlament). Aber ich hoffe, dass es weitergesagt wird. Vielleicht zum Schluss noch ein Hinweis. Es gibt einen Wissenschaftler, Jem Bendell, der der festen Überzeugung ist, dass wir das Ruder schon verloren haben, dass wir auf jeden Fall in Richtung auf Katastrophe hin unterwegs sind. Und er hat sich drei Fragen überlegt, von denen er meint, die helfen uns durch die Katastrophe möglichst lang, möglichst gut durchzukommen.
Ich habe mir die Katastrophe früher so als Wasserfall vorgestellt, als Niagara Falls. Da fährt man drauf hin, man weiß nicht genau, wann es zu spät ist, umzukehren, aber irgendwann einmal fällt man runter. Ich glaube, das ist ein falsches Bild. Ich glaube, wir sind in einer Strömung, die einfach immer schwieriger wird. Immer mehr Felsbrocken sind drinnen, kleine Wasserfälle, Wirbel, alles Mögliche. Es wird immer schwieriger zu navigieren, statt dass wir in einem schönen, ruhigen Fahrwasser fahren könnten.
Und dieses immer schwieriger Navigieren, dafür hat er die Fragen erstellt und hat gesagt, wenn wir die beantworten, dann geht es uns eben möglichst lang, möglichst gut. Das Schöne ist, aus meiner Sicht, wir müssen dieselben Fragen beantworten, wenn wir die Katastrophe verhindern wollen, wenn wir noch ins ruhige Fahrwasser kommen wollen. Wir müssen interessanterweise auch dieselben Antworten geben. Die Antworten sind auch dieselben und das finde ich ganz toll, weil das heißt, wir müssen uns nicht entscheiden, ob es schon zu spät ist oder nicht.
[Protest der Taxifahrer… Dann gibt es andere auch noch, die gegen was protestieren, offensichtlich. Wenn Sie gestatten, lasse ich die vorbeifahren, bevor wir weiterreden.]
(Video 2:)
Das ist auch ein Protest der Unzufriedenen, weil das ist auch gegen die Politik und auch gegen unser Wirtschaftssystem gegangen. Das muss man schon auch so verstehen, weil das ist ja eigentlich das Problem, warum die Arbeitsbedingungen für die Herrschaften, die hinter dem Steuer sitzen, so schlecht sind. Das ist, weil eben freie Marktwirtschaft starke, große bevorzugt und kleinere benachteiligt. Und das führt nach und nach zu einer Konzentration.
Aber ich möchte zurückkommen zu unseren drei Fragen. Das heißt, zu den drei Fragen von Jem Bendell. Die erste Frage ist:
Was ist uns wirklich wichtig? Was wollen wir auf jeden Fall auch in dieser schwierigen Zeit des Zusammenbruchs, so wie er es sieht, was wollen wir beibehalten? Was wollen wir nicht verlieren? Was ist uns ganz, ganz wichtig? Da kann man sich Verschiedenes überlegen. Vielleicht können wir noch kurz nachher darüber reden.
Die zweite Frage ist, und die ist schwieriger zu beantworten: Was lassen wir los? Auf was legen wir weniger Wert, sodass wir auch ohne das auskommen? Das ist schwieriger zu beantworten, aber es ist vollkommen klar, wenn wir alles beibehalten, dann ändert sich ja nichts. Das heißt, wir müssen was loslassen. Da kann man sich zum Beispiel überlegen, wenn man das global betrachtet, was wir sicher loslassen werden müssen, sind gewisse Küstenstädte. Und zwar große Küstenstädte. Überall dort, wo die flachen Flussdeltas in den Ozean münden, also zum Beispiel Alexandria in Ägypten oder Benares in Indien. Also Millionenstädte, die müssen wir loslassen. Da müssen wir sehen, die können wir auf Dauer nicht halten. Die Menschen müssen irgendwo anders hin. Wenn wir das auf Österreich übertragen (wir haben keine Küsten): Skigebiete in mittleren Lagen, die werden wir loslassen müssen. Aber möglicherweise werden wir auch den Individualverkehr in diesem Ausmaß loslassen müssen. Also die zweite Frage ist, was lassen wir los?
Und die dritte Frage ist: Was haben wir schon einmal gekonnt, was uns jetzt helfen könnte? Oder was können andere Kulturen, was wir übernehmen könnten? – Was haben wir schon einmal gekonnt? Wir hatten einmal ein Geldsystem, das dazu da war, den Tausch zu erleichtern und nicht dazu da war, damit Geld zu verdienen. Also ein anderes Finanzsystem wäre etwas, was wir uns wieder erarbeiten oder wieder schaffen könnten. Und was andere Kulturen bieten, ist zum Beispiel eine andere Stellung der Natur im Rechtswesen. Bei uns ist die Natur ein Objekt. In südamerikanischen Staaten, aber nicht nur dort, ist sie ein Subjekt. Das heißt, die Natur hat ein Eigenrecht zu existieren in ihrer Form. Und das würde sehr viel bei uns verändern, wenn wir das bei uns auch in unser Rechtssystem übernehmen könnten.
Also diese drei Fragen:
Was ist uns wirklich wichtig? Was wollen wir nicht aufgeben? Für mich würde zum Beispiel durchaus Demokratie dazugehören, aber auch Daseinsvorsorge, dass keiner frieren muss, keiner verhungert, keiner an Hitze stirbt. Also das wären für mich Sachen, die nicht verzichtbar sind. Das wäre das eine.
Dann die Frage, was lassen wir los?
Und die dritte Frage, was haben wir schon einmal gekonnt oder was können andere?
Und das Spannende daran ist, die Antworten sind dieselben, egal ob Sie jetzt die Katastrophe verhindern wollen oder ob Sie in der Katastrophe möglichst lang gut leben wollen. Und das finde ich unheimlich beruhigend, weil das heißt, wir müssen nicht entscheiden, wollen wir das eine oder wollen wir das andere, glauben wir das eine, glauben wir das andere, sondern wir müssen nur das Richtige tun. Und damit wir das Richtige tun können, müssten wir diese Fragen gemeinsam beantworten. Wir brauchen eine gemeinsame Vision. Wenn wir die Fragen gemeinsam beantworten, dann haben wir eine Vision von Österreich, von Europa, von der Welt, wie sie ausschauen soll in 10, 20, 30, 40 Jahren. Und wenn wir diese Vision haben, dann können wir sie erreichen. Und ich glaube, das ist dasselbe fürs Klima, wie es auch für den Frieden wäre. Und auch Frieden wäre etwas, was meines Erachtens dazugehört, was wir schon einmal gekonnt haben und was wir wieder lernen sollten. Denn ohne Frieden gibt es keine Nachhaltigkeit und ohne Nachhaltigkeit keinen Frieden. Und gerade Österreich war einmal jemand, der Frieden vermittelt hat oder zumindest ein Ort, wo man Frieden verhandeln konnte. Also auch das mitdenken.
Und das führt mich zu meinem allerletzten Beitrag. Wir müssen auch neue Zusammenarbeit, neue Kooperationen schaffen. Also zum Beispiel mit der Friedensbewegung. Ich finde, die Klima- und die Friedensbewegung würden hervorragend zusammenpassen. Ich glaube aber auch, dass wir uns zum Beispiel mit den Taxlern zusammentun könnten, wenn es um die Wirtschaft, das Wirtschaftssystem geht. Ich glaube, wir müssen einfach suchen, wo gibt es Interessen, die bei verschiedenen Gruppen gemeinsam liegen.
Wir werden nicht alles mit den Taxlern teilen. Also, dass die fossil da herumfahren, ist wahrscheinlich nicht unser Ziel, aber ich glaube, wir haben auch gemeinsame Anliegen und diese gemeinsamen Anliegen sollten wir versuchen, gemeinsam vorzubringen und dann vielleicht auch da drinnen auf Gehör stoßen, wenn wir nicht mehr nur so wenige sind, sondern wenn es sehr viele werden.
Ich danke.
