183 Minuten / Selina Ströbele

183 Minuten für das Klima am 9. Dez. 2025, 13:00-16:03 Uhr vor dem Parlament.

Statement Selina Ströbel, Schauspielerin

Einen wunderschönen guten Tag, mein Name ist Selina Ströbele. Ich bin Schauspielerin und “Artist4Future”. Danke an die Initiative “Klima183” für euer Engagement und die Einladung, hier zu sprechen. 

„Bald müssen wir alle die Entscheidung fällen zwischen dem, was richtig ist und dem, was einfach ist.“

Dieses Zitat stammt aus “Harry Potter”. Albus Dumbledore, Harrys Mentor und Sinnbild für das Gute formuliert ihn, als sich die Bedrohung durch dunkle Mächte zuspitzt und die Zauberwelt zu spalten droht: „Bald müssen wir alle die Entscheidung fällen zwischen dem, was richtig ist und dem, was einfach ist.“

Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben.

Denn wir Muggles, also nicht- magische Menschen, sind zwar nicht mit der Rückkehr des schlimmsten Zauberer- Diktators aller Zeiten konfrontiert, aber auch bei uns sieht die Lage alles andere als rosig aus.

Der Historiker Philipp Blom bringt es auf den Punkt:

“Wir befinden uns (…) in einer dreifachen existenziellen Krise, die sich in zahllose kleinere zersplittert, die sich vielfach überlappen. Die drei ineinandergreifenden Arme dieser Krise sind die Erderhitzung, der Zusammenbruch der Artenvielfalt und die Risiken von

Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Jede davon hat das Potenzial, einen Großteil des Lebens auf diesem Planeten auszulöschen oder zumindest zutiefst zu beschädigen oder zu vermindern. Jede von ihnen hat bereits heute immense Ausmaße und unschätzbare, unvorstellbare Konsequenzen”.

Dazu kommen furchtbare Kriege, Rechtsruck, Ungleichgewicht zwischen Völkern und Geschlechtern und bei mir persönlich seit drei Jahren ununterbrochener Liebeskummer.

Was wäre es schön, wenn jetzt ein Zauberer käme und mit einem Spruch alles zum Guten wendet. Aber ein einzelner alter weißer Mann wird uns hier nicht retten können – nicht einmal mich in meinem Liebeskummer, macht euch keine Hoffnung.

Wir alle wissen es:

Die Erde steuert den Vereinten Nationen zufolge mit der aktuellen weltweiten Klimapolitik bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2,8 Grad Erderwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit zu.  

Die gegenwärtige Lage rechtfertigt Gefühle wie Hilflosigkeit, Angst vor dem, was kommen mag, Trauer über das, was wir bereits verloren haben, Wut über das Verharmlosen dieser Krise von Seiten vieler, die sich in Machtpositionen befinden und Verantwortung tragen und denen wir mit unserer Stimme unser Vertrauen geschenkt haben, mit einer existenziellen Krise dementsprechend umzugehen.

Diese Menschen, die 183 Abgeordnete des österreichischen Parlaments, sprechen wir hier und heute einmal mehr an:

Sehr geehrte Parlamentarier*innen, Sie wissen es genau so gut wie wir:

sehenden Auges krachen wir in die Klimakatastrophe. 

Wir fordern:

Erkennen Sie diese Krise an. Schenken Sie ihr die höchste Aufmerksamkeit und kommen Sie, als Vertreter*innen dieses Landes gemeinsam mit der Weltgemeinschaft in mutiges, sofortiges und konsequentes Handeln!

Ich fordere Sie, sehr geehrte Abgeordnete, und uns alle auf, sich immer wieder mit der Frage zu konfrontieren: 

Was ist richtig und was ist einfach?

Manchmal wäre es so einfach, die Hoffnung zu verlieren und aufzugeben. 

Luisa Neubauer plädiert hier für “Possibilismus”: weder pessimistisch noch optimistisch sein angesichts der Krisen unserer Zeit, sondern sehen, was alles noch möglich ist, und ins Handeln kommen.

Die kürzlich verstorbene Systemwissenschaftlerin Joanna Macy lehrt, dass Hoffnung überhaupt erst im Handeln entsteht.

Joanna Macy:                                                               

 “Unsere Stellung in der Welt verändert sich grundlegend, wenn wir sie als ein lebendiges System verstehen und uns selbst als einen Teil eines im weitesten Sinn lebendigen

Erdkörpers definieren. Diese Perspektive kann die Art unserer Beziehung zur Welt, unsere Kreativität, die Lebensqualität verändern und inneres und kollektives Wachstum ermöglichen.”  Zitat Ende.       

Das ist, wie ich finde, eine gute Sichtweise, um angesichts der Klimakrise nicht in eine lähmende, depressive Haltung zu kommen.

Denn die Wissenschaftlerin und Klimaforscherin Helga Kromp- Kolb, die ebenfalls hier vor Ort ist, schreibt in ihrem Buch “Für Pessimismus ist es zu spät” genau das: Für Pessimismus ist es schlichtweg zu spät. Weiters erinnert sie an Beispiele wie Gandhi oder Greta Thunberg, wie also einzelne Menschen eine weltweite Bewegung auslösen können. Helga Kromp- Kolb schreibt: 

“(…) In der Klimadiskussion spielen Kipppunkte eine wichtige Rolle: (…) Es gibt Kipppunkte in der Natur und in der Gesellschaft- wünschenswerte und solche, deren Überschreitung vermieden werden muss. Wir wissen nicht genau, wann sie erreicht sind, aber wir können versuchen, unerwünschte zu vermeiden und erwünschte zu beschleunigen.” Zitat Ende.

Jetzt muss keine/r von uns aber Gandhi oder Thunberg sein.

Denn in diesem Zusammenhang finde ich die “3,5%”- Regel sehr interessant, die die US- amerikanische Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth aufgestellt hat. Die Regel besagt, dass nur etwa 3,5% der Bevölkerung nötig sind, die aktiv politischen Widerstand leisten, um einen tiefgreifenden, politischen Wandel herbeizuführen, wobei friedliche Proteste etwa doppelt so erfolgreich sind wie gewalttätige.

Liebe Mitmenschen hier vor dem Parlament und im Parlament: 

Wir alle befinden uns in einem Wandel, ob wir wollen oder nicht. 

Und Alan Watts hat einmal gesagt: “Der einzige Weg, dem Wandel einen Sinn zu geben, besteht darin, in ihn einzutauchen, sich mit ihm zu bewegen und sich dem Tanz anzuschließen.”

Lassen Sie uns weitertanzen. Lassen Sie uns weiter wüten. Lassen Sie uns laut bleiben und mutig und unbequem. 

Lassen Sie uns das Richtige tun, nicht das – vermeintlich- Einfache.

Ich bin Selina Ströbele, 

Vielen Dank, dass Sie heute hier sind.

Rede in voller Länge: