183 Minuten / Sigrid Stagl

183 Minuten für das Klima am 9. Dez. 2025, 13:00-16:03 Uhr vor dem Parlament.

 

Statement Sigrid Stagl, WU Wien

 

Vielen herzlichen Dank an die Organisatoren und Organisatorinnen.

Wir müssen über das Klima reden, wir müssen was tun. Als Ökonomin ist es mir immer wichtig, über die Bedürfnisbefriedigung der Menschen nachzudenken und daran zu arbeiten. In der Wirtschaft geht es darum, dass wir die Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Das bringt mit sich, dass wir Natur verändern. Aber in welchem Ausmaß verändern wir sie? Und wir wissen jetzt seit über 50 Jahren, dass wir die Natur zu stark verändern. In einem Ausmaß, das uns nicht gut tut. Das heißt, selbst wenn wir unser Wohlbefinden, das menschliche Wohlbefinden im Fokus haben, ist unser Tun derzeit suboptimal.

 

Zum Glück sagen uns Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen, und da kommen noch einige detailliertere Ausführungen, was denn der aktuelle Befund ist. Es ist so, dass wir sehr nahe schon dran sind an der 1,5 Grad Temperatursteigerung, auch wenn es definitorisch noch nicht erreicht ist, weil das mehrere Jahre anhalten muss, aber das werden wir überschreiten. Aber das Wichtige ist: 1,5 Grad ist besser als 1,6 Grad. 1,6 Grad ist besser als 1,7 Grad. Das heißt, jedes Zehntel zählt. Das heißt, das, was wir tun, ist wichtig. Uns rechtzeitig einzubremsen bezüglich der Emissionen ist wichtig. Das hat natürlich sehr viel mit dem Wirtschaften zu tun.

 

Jetzt kommt es darauf an, wie man die Wirtschaft wahrnimmt. Sieht man die Wirtschaft als ein Perpetuum mobile, das hier und da ein bisschen Ressourcen aus der Natur sich holt, aber ansonsten ein geschlossenes System ist, dann könnte man davon ausgehen, dass die Natur, die Umwelt nicht so wichtig ist für die Wirtschaft. In meinem Fachbereich, ökologische Ökonomie, gehen wir davon aus, dass die Natur die Basis des Wirtschaftens ist. Und da gibt es sehr viele empirische Befunde dafür. Wir brauchen für jede wirtschaftliche Aktivität Güter und Dienstleistungen aus der Natur. Und eine wichtige Dienstleistung aus der Natur ist ein stabiles Klima. Stabiles Klima tut uns Menschen gut. Ansonsten müssen wir ständig neue Produktionsweisen erfinden, neue Werkzeuge, neue Infrastrukturen aufbauen, uns möglicherweise auf den Weg machen und woanders hinziehen. Das ist nicht gut für unsere Gesellschaft, das ist auch nicht gut für unsere Wirtschaft.

 

Das heißt also, Wirtschaft und Umwelt so als ein Spannungsverhältnis darzustellen, ist ein Kategorienfehler. Die Wirtschaft baut auf die Umwelt auf. Eine funktionierende Wirtschaft braucht eine intakte Umwelt. Deswegen ist Umwelt- und Klimaschutz notwendig für gute Wirtschaftspolitik.

 

Es wurde schon angesprochen, dass wir klimaschädliche Subventionen, klimakontraproduktive Subventionen jedes Jahr zahlen im Ausmaß von mindestens 5 Milliarden Euro. Es wird da derzeit darüber nachgedacht, dass man es besser machen könnte. Muss man nachdenken, ganz klar. Denn es wurde auch errechnet, Kollege Bayerstrass vom IHS mit Kollegen vom Umweltbundesamt zusammen haben errechnet, um die grüne Transformation zu schaffen, brauchen wir jedes Jahr ungefähr 6 bis 10 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen. Naja, jetzt geben wir 5 Milliarden für kontraproduktive Subventionen aus. Wenn wir das umdirigieren würden – ist natürlich ein bisschen eine Milchmädchenrechnung – aber es zeigt an, es geht nicht darum, ob wir es uns leisten können, sondern es geht darum, wie wir unsere Prioritäten setzen.

 

Verabschieden wir uns von klimaschädlicher, umweltschädlicher Produktion, entschlossen, mit klarem Blick nach vorne, hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft, oder dümpeln wir weiter und versuchen, überkommene Verhaltensweisen, veraltete Technologien aufrecht zu erhalten, die uns nicht nur umweltmäßig schaden, sondern in einem neuen Regime auch höhere Kosten mit sich bringen werden und natürlich unsere Abhängigkeiten von anderen nichtdemokratischen Regimen erhalten? Ob man das aufrechterhalten soll, ist sehr zweifelhaft. Ich würde sagen, nein. Das heißt also, klima- und umweltfreundlich produzieren tut nicht nur der Wirtschaft gut, sondern ist auch das politische Gebot der Stunde, um uns unabhängiger zu machen, um uns resilienter zu machen.

 

Das, was für Österreich gilt, wir haben über klimakontraproduktive Subventionen gesprochen und über die notwendigen Finanzinvestitionen, um die Umstellung zu schaffen, das gilt auch global. Global brauchen wir jedes Jahr ungefähr 12 Billionen Dollar, um die grüne Transformation zu schaffen, das sind 12.000 Milliarden Dollar. Das ist sehr viel Geld. Aber wir reden ja da über weltweit. 3,3 wurden letztes Jahr schon investiert. Das ist schon richtig viel. 3,3 Billionen Dollar wurden schon investiert in die grüne Transformation letztes Jahr. Das heißt, wir müssen noch ein bisschen aufstocken.

 

Gleichzeitig werden aber 7 Billionen Dollar jedes Jahr weltweit in klimaschädliche Subventionen bezahlt. Das heißt, da haben wir wieder das Gleiche. Wenn wir es umdirigieren würden in die grüne Transformation, dann würde sich das ausgehen. Das heißt, die Grundmessages, ökonomisch kann man das schon darstellen. Es geht nicht darum, dass wir nicht genug Geld hätten. Es geht darum, dass wir Prioritäten setzen, dass wir basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen die entsprechenden Regelwerke aufbauen. Denn Märkte sind nichts anderes als Regelwerke. Regeln werden von Menschen gemacht.

 

Und derzeit haben wir Regeln in unseren Märkten, wo zum Beispiel es so erscheint, als ob ein Flug nach Barcelona billiger ist als eine Zugreise. Wo wir alle wissen, selbstverständlich ist der Flug für die Gesellschaft teurer. Nur es kommt nicht bei den Konsumenten und Konsumentinnen, bei den Fluggästen an. Es schaut im Supermarkt so aus, als ob die Bioprodukte teurer wären. Wenn man aber alle Kosten reinrechnet, wissen wir, dass die industriell produzierten, konventionell produzierten Lebensmittel teurer sind.

 

Das heißt, wir brauchen andere Regeln, die dem Verursacher die Kosten zurechnen und gleichzeitig allen ermöglichen, und dafür brauchen wir die entsprechende Infrastruktur, allen ermöglichen, sich nachhaltig zu verhalten. Das heißt, mit verbesserten Strukturen den Verursachern die Kosten zurechnen und allen die nachhaltige Handlungsoption ermöglichen. Das wäre eine zukunftsfähige Wirtschaft. Und darüber denken wir an der Wirtschaftsuniversität nach und darüber unterrichten wir und dazu forschen wir. Es ist möglich, wir brauchen eine regenerative Wirtschaft, die die Grundlage ist für eine regenerative, eine gut funktionierende Gesellschaft, eine demokratische Gesellschaft. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Rede in voller Länge: